Die Junge Akademie Schweiz vernetzt Nachwuchsforschende aus verschiedensten Wissenschaftsbereichen und bildet ein inspirierendes Umfeld für inter- und transdisziplinäre Begegnungen und innovative Ideen. Die Mitglieder sind Ansprechpartner:innen für die Schweizer Wissenschaft und gelten als die junge Stimme der Akademien der Wissenschaften Schweiz. Mehr

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Junge Akademie Schweiz JAS

Nawal Kinany – die Kunst, neue Wege zu gehen

Vom Grafikdesign zur Bioingenieurwissenschaft: Nawal Kinany, Sprecherin der Jungen Akademie Schweiz (JAS), verfolgt einen ungewöhnlichen Weg, auf dem Transdisziplinarität kein abstraktes Konzept ist, sondern eine gelebte Art, Wissenschaft zu betreiben und zu vermitteln.

© Bildquelle: Yevheniia Hromova

Porträt: Kalina Anguelova

Es gibt Lebensläufe, die sich wie eine gerade Linie erzählen lassen. Der von Nawal Kinany gehört nicht dazu. Sie sagt es gleich zu Beginn: «Mein Werdegang erscheint mir ein wenig chaotisch.» Sprecherin der JAS, Leiterin der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit an der HES-SO, Mitbegründerin einer Agentur für Wissenschaftskommunikation, ehemalige Forscherin in der Neurobildgebung – und vor allem: Grafikerin. Denn dort begann alles. Mit 15 trat sie eine Lehre als Grafikdesignerin an der École des arts appliqués in Genf an. Doch für Nawal Kinany bedeutet Erfolg in einem Bereich keineswegs, sich darauf festzulegen. «Ich entdecke und lerne gern Neues. Ich bin ziemlich neugierig.» Mit 20 beschloss sie deshalb, einen anderen Weg einzuschlagen. Als Tochter französisch-marokkanischer Eltern wuchs sie in einer Familie auf, in der niemand zuvor eine Universität besucht hatte. «Das war eine völlig neue Welt für mich», sagt sie.

Eine einjährige Passerelle öffnete ihr 2010 die Türen zur EPFL. Da sie zwischen mehreren Fachrichtungen schwankte, besuchte sie eine Informationsveranstaltung nach der anderen. Schliesslich entschied sie sich für Bioingenieurwesen. «Ich mag Transdisziplinarität. Und der Studiengang war sehr breit angelegt: Informatik, Biologie, Mathematik.» Es folgten ein Bachelor in Lebenswissenschaften und -technologien, ein Master in Bioingenieurwesen – für den sie den Preis für die beste Studienleistung erhielt – mit einer Abschlussarbeit am Imperial College London sowie ein Doktorat in Neuroingenieurwesen. Ihre 2016 begonnene Dissertation, die unter anderem eine multizentrische klinische Studie zwischen Italien und der Schweiz umfasste, widmet sich der technologiebasierten Rehabilitation. Dabei setzt sie auf Roboter, Muskel- und Hirnsignale sowie Bewegungsdaten, um zu verstehen, wie sich Schlaganfallpatientinnen und -patienten erholen. «In dieser Kette fehlte mir ein Glied: das Rückenmark.» Sie entwickelte daraufhin MRT-Bildgebungstechniken, um dessen Funktion sichtbar zu machen – ein Pionierbeitrag, der zu Publikationen in führenden Fachzeitschriften führte. Als Gastwissenschaftlerin an der McGill University pendelte sie ab 2019 während fünf Jahren zwischen der Schweiz und Montréal und arbeitete mit einem der wenigen Labore weltweit zusammen, die Rückenmark und Gehirn gleichzeitig abbilden können. «Das ist eine echte Meisterleistung. Nur sehr wenige Forschungsgruppen beherrschen diese Technik bis heute», betont sie.


Die Entscheidung für Transversalität

Dann kam das Jahr 2024 – und eine Entscheidung, die nicht selbstverständlich ist, wenn man fast ein Jahrzehnt der Forschung gewidmet hat: ein Richtungswechsel. Sie hatte das Gefühl, dass die Forschung sie in ein immer engeres Korsett zwingt. Die Datenanalyse, die lange den Kern ihres Alltags bildete, reizte sie nicht mehr so wie früher. Was sie an der Forschung einst begeistert hatte – Fragen zu stellen, etwas aufzubauen, etwas zu schaffen –, glaubte sie auch anderswo und auf andere Weise wiederfinden zu können.

Dieser Richtungswechsel führte sie, eher zufällig, an die HES-SO, wo sie Ende 2024 die Leitung der Einheit für internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit übernahm. Mit einem kleinen Team betreut sie dort insbesondere Programme zur bilateralen Forschungsförderung zwischen der Schweiz und Ländern des Nahen Ostens, Nordafrikas und Subsahara-Afrikas. Die Stelle vereint mehrere Aspekte, die ihr wichtig sind: angewandte Forschung, nachhaltige Entwicklung und die Anerkennung lokalen Wissens. Sie arbeitet dort drei Tage pro Woche. So bleibt ihr genügend Spielraum, sich bei der von ihr mitbegründeten Unframe Agency – einer Agentur für Wissenschaftskommunikation – zu engagieren, sich bei Figure 1A – einem Verein, der Wissenschaft und Kunst durch Veranstaltungen und Ausstellungen verbindet – einzubringen und ihre Rolle als Sprecherin der JAS wahrzunehmen. Ein Balanceakt wie auf dem Drahtseil. «Man muss ein wenig jonglieren und flexibel sein», räumt sie ein. «Nicht immer einfach.» Doch gerade diese Vielfalt gibt ihr Halt.

Die JAS, «eine Stimme» 

2023 trat sie der JAS bei. Anschliessend beteiligte sie sich am Podcastprojekt Spark – Stories from Advocates for Global Change. Das Konzept: Junge Studierende – Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ebenso wie Hochschulstudierende – interviewen Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Akteurinnen und Akteure aus der Praxis zu aktuellen Themen wie Klima, künstliche Intelligenz oder Menschenrechte. Der Ansatz ist transdisziplinär, die Haltung bewusst horizontal. Für Nawal Kinany muss Wissenschaftskommunikation «bidirektional» sein: «Es geht nicht nur darum, zu erklären, wie Dinge funktionieren, sondern auch zuzuhören, welche Fragen die Menschen haben und was sie beschäftigt.»

Im Juni 2024 wurde sie in das Präsidium der JAS gewählt und übernahm zunächst die Funktion der stellvertretenden Sprecherin. Ein Jahr später, im Juni 2025, wurde sie zur Sprecherin. Sie vertritt die Akademie sowohl intern als auch extern – bei Versammlungen der Mitglieder der JAS, bei interakademischen Sitzungen, sowie bei europäischen Treffen. In ihren Augen nimmt die JAS eine besondere Stellung in der Schweizer Wissenschaftslandschaft ein: «Eine Organisation, die vielleicht eine etwas mutigere Stimme hat als die etablierten Akademien.» Sie beobachtet, dass die JAS zunehmend Anerkennung findet, dass ihre Projekte beeindrucken und dass ihre Rolle als kollektive Stimme für junge Forschende, die oft mit schwierigen Arbeitsbedingungen konfrontiert sind, immer besser verstanden wird. Gleichzeitig ist ihr bewusst, wie viel noch zu tun bleibt, um die Akademie innerhalb der Wissenschaft und darüber hinaus bekannter zu machen.


Was an Nawal Kinany besonders auffällt, ist diese innere Freiheit, neue Wege zu gehen – und zugleich die Kohärenz eines Werdegangs, den sie selbst als «chaotisch» bezeichnet. Ihr roter Faden ist nicht eine Disziplin, sondern Bewegung. Ein Gebiet vollständig zu durchdringen, darin zu brillieren und es dann als Sprungbrett zum nächsten zu nutzen. Vom Grafikdesign zur Neurobildgebung, von der Forschung zur Leitung internationaler Programme usw. 

Gerade dieser Weg hat sie dazu gebracht, sich heute für das einzusetzen, was sie für zentral hält: «diese Silokultur zu überwinden», Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen und anzuerkennen, dass Wissenschaft – selbst die exakten Naturwissenschaften – von gesellschaftlichen Einflüssen geprägt ist. Sie nennt ein Beispiel. Bei ihren Forschungen zur Rehabilitation nach einem Schlaganfall war die Geschlechterfrage im Team nie thematisiert worden: «Im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus den Sozialwissenschaften habe ich jedoch entdeckt, dass mentale Belastung, Lebensbedingungen und soziale Einbettung die Genesung direkt beeinflussen. Man erholt sich nicht auf dieselbe Weise, je nachdem, ob man ein Mann oder eine Frau ist.» Erst durch das Zusammenführen unterschiedlicher Perspektiven werde man effizienter, ist sie überzeugt.

Die Dinge hätten sich «auf organische Weise» gefügt, sagt sie – «viel Glück, hier und da Chancen». Vielleicht. Doch wenn man diese 36-jährige Frau betrachtet, die drei- bis viermal pro Woche boxt und neben ihren vier beruflichen Rollen Deutsch und Spanisch lernt, erkennt man darin auch einen starken Freiheitsdrang: sich nicht für nur einen Weg zu entscheiden, wenn mehrere möglich sind. Sich niemals einengen zu lassen.

Nawal Kinany, geboren 1990, ist französisch-marokkanischer Herkunft. Nach einer Lehre im Grafikdesign an der École des arts appliqués in Genf wechselte sie 2010 über eine Passerelle an die EPFL und erwarb einen Bachelor in Lebenswissenschaften und -technologien (2013), einen Master in Bioingenieurwesen (2015) – mit einer Abschlussarbeit am Imperial College London – sowie ein Doktorat in Elektrotechnik (2020). Ihre Forschung konzentrierte sich auf das Verständnis sowie die Rehabilitation der Bewegungssteuerung und führte zur Entwicklung bahnbrechender Techniken der funktionellen Bildgebung des Rückenmarks. Nach einem Postdoktorat an der Universität Genf (2021–2024), geprägt durch eine langjährige Zusammenarbeit mit der McGill University in Montréal, leitet sie seit Oktober 2024 die Einheit für internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit an der HES-SO. Seit 2025 ist sie Mitbegründerin der Unframe Agency, einer Agentur für Wissenschaftskommunikation, und aktives Mitglied des Vereins Figure 1A. Als Sprecherin der JAS für die Amtsperiode 2025–2026 setzt sie sich für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ein.

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