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Junge Akademie Schweiz JAS
Ein Grenzgänger zwischen Forschung und Praxis
Er bringt Menschen in- und ausserhalb der Wissenschaft zusammen - und will damit dazu beitragen, dass wir dem Klimawandel besser begegnen können: Benjamin Hofmann, Forscher am TdLab der ETH Zürich. Als Mitglied der Jungen Akademie Schweiz liegt ihm insbesondere die Lehre am Herzen.

Ein Stein. Synonym für tote Materie. Zumindest würden es viele Menschen so sehen. Doch es gibt Steine, die voller Lebensgeschichten stecken. So wie die Basalt-Lava-Steine in den Westfjorden von Island. Sie erzählen von der Kraft der Natur, von Menschen, die dieser Kraft trotzen und vom Klimawandel. Die Erzählung geht so: Basaltgestein hat die steilen Berge der Westfjorde geformt, wo sich Schnee ansammelt und Lawinen entstehen. Gleichzeitig nutzen die Inselbewohnerinnen und -Bewohner diesen Basaltstein, um Schutzmauern gegen Lawinen zu bauen. Mit den ansteigenden Temperaturen werden die Lawinen weniger vorhersehbar und die Mauern höher: Sie türmen sich auf 10 Meter und mehr.
Es sind solche Geschichten, die Benjamin Hofmann und seine Frau Elisa Hofmann gesammelt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben – er als Forscher, sie als Illustratorin (hier geht's zur Online-Ausstellung). Vier Wochen dauerte ihr Aufenthalt, ermöglicht durch ein Stipendium. Ein kleines Projekt, das nicht Benjamin Hofmanns Kernkompetenz als Forscher repräsentiert. Doch es zeigt exemplarisch, was ihm am Herzen liegt: die Transdisziplinarität. «Bei der Interdisziplinarität kommen verschiedene Disziplinen zusammen und versuchen, ihr Wissen zu integrieren», erklärt Hofmann. «Transdisziplinär wird es erst, wenn zusätzlich Wissen von ausserhalb einfliesst: das lokale Wissen, das Praxiswissen von gesellschaftlichen Stakeholdern» Das Ziel: Probleme gemeinsam zu beschreiben und mögliche Lösungsansätze zu entwickeln. Genau das tat das Paar in Island. Sie fragten Einheimische, welche Objekte für sie Umweltveränderungen sichtbar machen – der Basaltstein war eines davon, der invasive Atlantische Taschenkrebs ein anderes. Dieser Krebs kommt ursprünglich aus Nordamerika und gelangte über das Ballastwasser von Schiffen nach Island, wo er sich im immer wärmeren Wasser auf Kosten einheimischer Arten ausbreitet. Forschende überlegen nun gemeinsam mit Fischerinnen und Fischern vor Ort, ob sich der Krebs kommerziell nutzen liesse. «Das ist auch eine Art, mit invasiven Arten umzugehen», sagt Hofmann leicht lakonisch.
«Ich war immer schon politisch interessiert, kann aber nicht so genau sagen, wo das herkommt»
Wenn er darüber nachdenkt, wann sein Interesse für die politisch-gesellschaftliche Wirkung von Wissenschaft geweckt wurde, geht er in seine Jugend zurück. Er kam in Zeiten des Umbruchs und zivilen Ungehorsams auf die Welt: 1987, zwei Jahre vor dem Mauerfall, ist er in Dresden geboren, wo er auch aufwuchs. Die DDR war also praktisch schon Geschichte und dennoch prägend für seine Generation: «Ich war immer schon politisch interessiert, kann aber nicht so genau sagen, wo das herkommt», sagt er. Konkreter wurde sein Interesse während seines Zivildiensts an der Nordsee, wo gerade ein EU-Vogelschutzgebiet geplant wurde. Was ihn dort nebst der Naturerfahrung beeindruckte, war der Aufruhr in der Zivilgesellschaft: «Ich habe Landwirte erlebt, die sich einstimmten auf den Widerstand gegen diese Initiative. Das fand ich extrem spannend», erzählt er. Eine Landschaft, zwei Wahrnehmungen: Auf der einen Seite die Vogelschützerinnen, auf der anderen Seite die Landwirte. In dieser Zeit reifte sein Entschluss, Politikwissenschaften zu studieren. Fast zwei Jahrzehnte später, in den Westfjorden, stand er dann wieder vor der Frage: Wer hat eigentlich die Definitionshoheit? Gibt es überhaupt die eine, «richtige» Sicht? Eine Isländerin wehrte sich gegen den Blick vieler Touristen auf ihre Heimat als einzige «grosse Wildnis»: «Dies hier ist ein bewohnter Ort. Wer die grosse Wildnis sucht, der soll einmal hinaus über den Fjord fahren, da wohnt niemand, das ist Naturschutzgebiet.»
Es sind solche Erfahrungen, die Hofmann zu dem Forscher machen, der er ist. Über ein Doktorat an der Universität St.Gallen und ein Postdoc am Wasserforschungsinstitut Eawag führte sein Weg ans TdLab der ETH Zürich, wo er heute eine Gruppe leitet. Sein neuer Forschungsschwerpunkt ist die Klimawandelanpassung und wie sich wissenschaftliches mit lokalem Wissen verbinden lässt. Konkret zeigt sich das etwa in einem Kurs: in einer transdisziplinären Fallstudie in der Surselva in Graubünden arbeitet er mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zusammen. Dabei begleiteten Studierende der ZHdK ETH-Studierende zum Beispiel zu Interviews mit Försterinnen und Förstern. Während sie fotografisch festhielten, wie im Wald gearbeitet wird, erfragte die ETH-Gruppe das Managementwissen der Försterinnen. Die Fotografien flossen in die Abschlusspräsentation der ETH-Studierenden ein. «Ein sehr inspirierendes Produkt» sagt Hofmann. Nicht überall gelinge eine solche Zusammenarbeit gleich gut; das hänge stark davon ab, wie offen die Beteiligten für den jeweils anderen Zugang seien.
Überhaupt: Einfach ist Hofmanns Weg nicht. Denn trotz seiner Erfolge kämpft er in seinem Feld weiterhin um Anerkennung für transdisziplinäre Ansätze: Bei Forschungsanträgen treffe man immer wieder auf Gutachterinnen und Gutachter, «die einfach den Wert dieses transdisziplinären Ansatzes nicht sehen oder nicht sehen wollen». Zunehmende Budgetkürzungen machen es auch nicht einfacher.
«Ich glaube, dass wir mutig bleiben oder sogar noch mutiger werden sollten, wenn es darum geht, auch die Probleme anzusprechen, denen gerade junge Menschen im akademischen System begegnen.»
Sein Engagement gilt deshalb auch der nächsten Generation. 2023 trat er der Jungen Akademie bei, mit dem Wunsch, mit anderen jungen Forschenden in den Austausch zu kommen und Kollaborationen anzustossen, die über den Arbeitsalltag hinausgehen. Im Zentrum stand für ihn dabei von Anfang an die Lehre: «Lehre ist etwas, das ich schon immer sehr gern gemacht habe.» Zusammen mit Mitstreiterinnen lancierte er das Projekt «Innovative Science-Society Teaching», das inzwischen im zweiten Zyklus läuft. Im ersten Zyklus kartierte das Team, wie unterschiedliche Schweizer Hochschulen Studierende bereits heute mit gesellschaftlichen Akteuren zusammenbringen – von künstlerisch geprägten Formaten über Service Learning, in dem sich Studierende für einen gesellschaftlichen Zweck engagieren, bis zur gemeinsamen Wissensproduktion mit Praxispartnern. Konkrete Beispiele aus den verschiedenen Sprachregionen und eine Typologie, mit der die Kurse verglichen werden können, wurden in einer Publikation der Akademien der Wissenschaften Schweiz veröffentlicht. Die Reflexion mit den Dozierenden brachte auch die Grenzen ans Licht: «Oft gehen diese Formate mit einer hohen Arbeitsbelastung einher, sie brauchen finanzielle Ressourcen. Und oft sprechen sie verschiedene Studiengänge an, wo dann schnell administrative Hürden entstehen», sagt Hofmann.
Der zweite Zyklus setzt an der praktischen Umsetzung an. Ziel ist eine Toolbox für Dozierende – in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk für transdisziplinäre Forschung (td-net) der Akademien der Wissenschaften Schweiz, das für die Forschung bereits eine solche Sammlung führt. Rund 40 Dozierende aus der ganzen Schweiz nahmen kürzlich an einem Workshop zur Toolbox teil. Eine Erkenntnis: Manche Formate lassen sich leicht als eigenständiges Tool fassen. Bei anderen ist selbst den Dozierenden oft nicht bewusst, woraus ihr Format eigentlich besteht. Der Workshop half, genau das zu schärfen: Was braucht es, damit ein Dozierender aus einem ganz anderen Fach dasselbe Tool anwenden kann? Als Nächstes lanciert das Team einen offenen Call für Einreichungen (siehe hier); ein Gremium wählt aus und hilft, die Tools weiter zu schärfen, parallel entsteht die Toolbox online. «Wenn wir die transdisziplinäre Forschung ernst nehmen, dann sollten wir auch unsere Studierenden dafür ausbilden», betont Hofmann. Was am Ende noch fehlt, ist die institutionelle Anerkennung: innovative Formate, die Lehre und Praxis verbinden, verlangen Zeit und Geld, die an vielen Schweizer Hochschulen bislang kaum eingeplant sind. Diese Baustelle will Hofmann als nächstes angehen.
Und was wünscht er sich für die Junge Akademie? In Fragen der Lehre oder an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik solle die Junge Akademie zur treibenden Kraft werden. Doch nicht nur das: «Ich glaube, dass wir mutig bleiben oder sogar noch mutiger werden sollten, wenn es darum geht, auch die Probleme anzusprechen, denen gerade junge Menschen im akademischen System begegnen.»
Benjamin Hofmann wurde 1987 in Dresden geboren und ist dort aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaft in Salzburg (Bachelor und Master) und promovierte an der Universität St.Gallen zu internationaler Umweltregulierung der Schifffahrt. Vor dem Doktorat arbeitete er als Referent bei der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt in Strassburg. Es folgten ein Postdoc an der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs, sowie eine Lehrtätigkeit an der Universität St.Gallen. Heute leitet er eine Gruppe am Transdisziplinaritätslabor (TdLab) der ETH Zürich. Seit Juni 2023 ist er Mitglied der Jungen Akademie Schweiz. Hofmann lebt mit seiner Frau Elisa, einer Illustratorin, und den beiden gemeinsamen Kindern in Aarau.
