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Junge Akademie Schweiz JAS
«Weibliche Vorbilder sind in meiner Disziplin ein grosses Thema»
Als Kind beobachtete Julia Venturini mit ihrem Grossvater den Nachthimmel über Uruguay. Heute simuliert sie am Computer die Bildung von Planeten. Mit der Jungen Akademie hat sie eine Befragung zu den Gründen durchgeführt, warum junge Menschen die akademische Laufbahn verlassen. Eine Erkenntnis: Frauen müssen immer noch mehr kämpfen.

Julia Venturini, mit welchen drei Eigenschaften würden Sie sich charakterisieren?
Neugier, Begeisterungsfähigkeit und Führungsstärke. Ich koordiniere gerne Aufgaben und habe viel Freude daran, Studierende zu betreuen.
Sie sind in Uruguay aufgewachsen und haben dort Physik und Astronomie studiert. Warum diese Studienwahl?
Als Kind war ich einfach fasziniert von den Sternen. Uruguay hat nur drei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, und es gibt Orte, an denen der Himmel richtig dunkel ist. Ich habe oft die Sommerferien bei meinen Grosseltern in einem kleinen Dorf verbracht. Dort war der Nachthimmel wirklich faszinierend. Das hat mich schon früh in den Bann gezogen. Ich wollte verstehen, wie Sterne funktionieren. Und dann wurden die ersten Exoplaneten entdeckt – das hat meine Neugierde zusätzlich befeuert. Während eines Austauschs in Argentinien, belegte ich einen Spezialisierungskurs über Exoplaneten und dachte: Okay, bei diesem Thema will ich bleiben.
Welche Rolle spielte Ihr familiärer Hintergrund?
Neugier und Wissensdurst waren in meiner Familie immer präsent. Aber als Naturwissenschaftlerin bin ich so etwas wie das schwarze Schaf. Meine Familie ist eher geisteswissenschaftlich geprägt. Meine Mutter ist Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin, mein Bruder hat in Literatur promoviert, mein Grossvater war Anwalt, aber er liebte Geschichte – und auch Astronomie. Als Kind habe ich oft mit ihm den Himmel beobachtet.
Zumindest in der Schweiz ist das Fachgebiet noch sehr männerdominiert...
In Uruguay ist es ähnlich, aber als Studentin habe ich das nicht so stark gespürt, weil es in meinem Heimatland insgesamt so wenige Astronominnen und Astronomen gibt. Ich meine, auch in Uruguay waren meine Professoren männlich. Aber am Anfang habe ich einfach nicht darüber nachgedacht.
Erst als ich in die Schweiz kam, wurde mir klar, wie ausgeprägt die männliche Dominanz tatsächlich ist, besonders bei unbefristeten Stellen.
Sie kamen 2012 nach Bern, um zu promovieren. Die Universität Bern hat einen guten Ruf in der Astrophysik – gab es noch andere Gründe?
Ich wollte auch die Erfahrung machen, in einem anderen Land zu leben. Die konkrete Gelegenheit ergab sich durch die argentinische Forscherin Andrea Fortier, die einen Kurs unterrichtete, den ich während meines Austauschs in Argentinien absolvierte. Sie wurde zu einer guten Freundin, zog später als Postdoktorandin nach Bern, und als dort eine Doktorandenstelle frei wurde, ermutigte sie mich, mich zu bewerben. So kam ich nach Bern.
Wie war der Start in dieser Stadt?
Die Kultur ist ganz anders, und die Sprache ist für mich immer noch eine grosse Hürde. Aber ich konnte hier in einem Bereich promovieren, der mich wirklich fasziniert – etwas, das ich in Uruguay nicht hätte tun können.
Wer hat Sie am meisten in Ihrer Laufbahn geprägt? Hatten Sie besondere Vorbilder?
Besonders wichtig für mich war mein erster Betreuer in Uruguay, Tabaré Gallardo. Er war ein extrem guter Mentor, der sich wirklich um seine Studierenden kümmerte. Ich habe von ihm viel über Lernprozesse gelernt, aber auch über Ethik – sogar sehr praktische Dinge, wie zum Beispiel, bei Konferenzen wirklich anwesend zu sein und nicht einfach Urlaub zu machen.
Jetzt in Genf ist Monika Lendl ein Vorbild für mich. Sie ist eine junge Professorin, sie leitet Teams ruhig, respektvoll und sehr klar – das inspiriert mich. Vorbilder sind in meinem Gebiet ein grosses Thema, da es nicht viele Frauen gibt.
Sie sagten eingangs, dass Sie sich durch Führungsstärke auszeichnen. Was bedeutet gute Führung?
Sich wirklich um Menschen zu kümmern. Gut organisiert zu sein. Mit Respekt zu handeln. Ruhig zu bleiben, wenn etwas nicht funktioniert, einen klaren Kopf zu behalten, um einen Ausweg zu finden – und diese Ruhe ans Team weiterzugeben. Es ist auch wichtig, die Arbeit des Teams anzuerkennen, damit die Menschen Wertschätzung fühlen. Man sollte nicht alles für selbstverständlich nehmen. Ein weiterer zentraler Punkt: Man braucht eine Vision, eine Strategie: Was ist wichtig, was kommt als Nächstes? Dabei hilft es, die Begeisterung für die Sache weiterzugeben.
Woran arbeiten Sie gerade?
Ich arbeite im Bereich Exoplaneten. Mein Fachgebiet sind Modelle zur Planetenentstehung. Wir schreiben numerische Codes, lösen Gleichungen und simulieren, wie ein Planet in einer Scheibe um einen Stern herum wächst. Daraus leiten wir Vorhersagen darüber ab, was Beobachter sehen sollten. Es gibt immer ein Feedback zwischen Theorie und Beobachtung. In Genf bin ich näher bei der Beobachtung, mit Missionen wie CHEOPS und PLATO. CHEOPS misst die Grösse von Planeten, und dann überprüfen wir: Sehen wir die Trends, die unsere Modelle vorhersagen? Im Ambizione-Projekt konzentriere ich mich auf Planeten in Doppelsternsystemen. Dort ist es viel schwieriger, Planeten zu bilden. Der zweite Stern stört die Scheibe, die Scheibe ist abgeschnitten, es gibt weniger Material – es ist eine extreme Umgebung. Globale Modelle zur Planetenentstehung in Doppelsternsystemen gibt es im Grunde noch nicht. Wir entwickeln sie gerade, und darauf bin ich stolz.
Viele Menschen fragen sich: Was bringt die Astronomie der Gesellschaft? Was antworten Sie?
Diese wissenschaftlichen Fragen treiben die Entwicklung neuer Technologien voran, die später in den Alltag einziehen. Digitalkameras – wie sie in jedem Smartphone zu finden sind – wurden ursprünglich für die Astronomie entwickelt. Das gleiche gilt für viele Instrumente, die schliesslich in der Medizin oder in der Sicherheitstechnik Anwendung finden. Wir müssen diese Zusammenhänge besser vermitteln, damit die Menschen verstehen, warum Grundlagenforschung wichtig ist.
Was war Ihre Motivation, sich bei der Jungen Akademie zu bewerben?
Ich bin nicht nur eine Wissenschaftlerin, die an ihren Modellen sitzt. Ich interessiere mich für gesellschaftliche Probleme und wollte einen Beitrag dazu leisten, wie man Wissenschaft der Gesellschaft vermittelt, wie man Alternativen findet, wenn etwas nicht gut funktioniert.
Was bringt Ihnen der Austausch in der Jungen Akademie?
Jedes Mal, wenn ich an einer Generalversammlung oder einem Projekttreffen teilnehme, finde ich es bereichernd. Man diskutiert mit Menschen aus anderen Fachbereichen, die anders denken und anderes Wissen mitbringen. Probleme sehen in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich aus – das fasziniert mich wirklich. Und es bestätigt sich immer wieder: Ich bin am richtigen Ort, denn die Interdisziplinarität in meinem normalen astronomischen Umfeld ist weniger stark ausgeprägt als in der Jungen Akademie.
Sie sind Sprecherin des Projekts „Unveiling the Leaky Pipeline in STEM” (UPSTEM). Was genau machen Sie dort?
Was die Ungleichheit der Geschlechter angeht, fühlte ich mich in meinem Fachgebiet sehr allein. Ich wollte etwas dagegen tun. In der Jungen Akademie habe ich andere gefunden, denen das auch wichtig war – und so entstand UPSTEM. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass mehr Frauen als Männer die Wissenschaft verlassen. Aber es gab kaum Erhebungen, in denen die Personen, die gegangen sind, tatsächlich auch befragt wurden. Also dachte ich mir: Warum führen wir nicht eine Umfrage durch, um aus erster Hand zu erfahren, warum Menschen die akademische Laufbahn verlassen haben und wo sie heute beruflich stehen? Das haben wir getan.
Was war die grösste Herausforderung?
Diese Personen überhaupt zu finden. Wenn jemand die Universität verlässt, hat oft niemand die private E-Mail-Adresse dieser Person. Auch der Schweizerische Nationalfonds verfügt nur über institutionelle Adressen, die irgendwann deaktiviert werden. Letztendlich haben wir die Schneeballmethode und vor allem LinkedIn genutzt. Wir haben 205 Antworten erhalten. Das ist nicht viel, aber immerhin ein Anfang.
Was zeigen die ersten Ergebnisse?
Wir waren nicht wirklich überrascht. Der Hauptgrund für Männer und Frauen ist mangelnde Stabilität: kurze Verträge, ständige Umzüge. Es gibt jedoch starke Geschlechterunterschiede in Bezug auf Diskriminierung und schlechte Behandlung, mangelnde Unterstützung oder fehlende Vorbilder – Frauen berichten viel häufiger davon als Männer. Und wenn «zu wenige Frauen in diesem Bereich» als Grund genannt wird, sind es fast ausschliesslich Frauen, die dies angeben.
Haben Sie diese Diskriminierung auch selbst erlebt?
Das ist eine heikle Frage. Ehrlich gesagt: Ich glaube es schon, aber es ist sehr schwer zu beweisen. Oft ist es subtil: Wer wird in bestimmte Kreise aufgenommen, wer erhält Informationen, wer wird eingeladen? Wenn man nichts von Chancen weiss, verpasst man sie. Und bei der Einstellung sehe ich immer noch, dass Männer bevorzugt werden. Das Klischee, dass die brillante Person der Mann ist, gibt es immer noch. Wir Frauen müssen immer wieder beweisen, dass wir gut sind. Beweisen, beweisen, beweisen – das ist anstrengend.
Was sollte UPSTEM idealerweise erreichen?
Wir müssen Zahlen vorlegen. Sonst wird alles schnell als Anekdote abgetan – „das ist Ihre Meinung, Ihre Erfahrung“. Mit Daten kann man sich an die Gemeinschaft, an politische Entscheidungsträger und an Institutionen wenden, denn nur mit Daten kann man Politik machen. Dann müssen Menschen bereit sein, ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen und Vielfalt als einen zentralen Wert zu betrachten. Ausserdem brauchen wir Männer, die sich für Gleichberechtigung einsetzen – und das beginnt zu Hause. Wenn Frauen den Grossteil der Betreuungsarbeit übernehmen, wird das System nicht gleichberechtigt werden.
Sie sind 2019 zum ersten Mal Mutter geworden. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es ist eine sehr schwierige Zeit, weil man müde ist und wenig schläft. Kreative, effiziente Arbeit zu leisten, wird zu einer echten Herausforderung. Gleichzeitig verändern Kinder das Leben komplett – es ist sehr anstrengend, aber auch sehr bereichernd.
Und man braucht Unterstützung. Ich sage das ganz klar: Wer eine akademische Karriere verfolgt, muss reisen, zu Konferenzen fahren, an Meetings in ganz Europa teilnehmen. Mit Kindern funktioniert das nur, wenn beide Elternteile wirklich ihren Teil dazu beitragen – und zwar nicht nur mit Worten. In unserem Fall erfordert das viel Organisation. Wir haben einen grossen Kalender in der Küche. Wir schauen dort jeden Morgen, wer was macht. Das erfordert viel Kommunikation und kostet Energie, aber anders geht es nicht.
Zum Schluss: Welche Botschaft würden Sie jungen Menschen mitgeben, die heute eine wissenschaftliche Karriere in Betracht ziehen?
Es sind schwierige Zeiten. Ich mache mir wirklich Sorgen. Budgetkürzungen verschlimmern eine ohnehin schon schwierige Situation. In der Schweiz gibt es keinen klaren Karriereweg; die Menschen wechseln von einem Fellowship oder Grant zum nächsten, und die Erfolgsaussichten sind im Grunde wie bei einer Lotterie. Das macht es schwer zu planen und motiviert zu bleiben. Und wenn jemand eine Familie gründen möchte, wird diese Unsicherheit zu einer grossen Belastung. Dennoch ist Forschung faszinierend. Wir arbeiten an neuen Entdeckungen! Also: Folgt eurer Leidenschaft – aber habt einen Plan B. Ich sage meinen Studierenden: Macht vielleicht auch ein Praktikum in der Industrie, damit ihr euch Türen ausserhalb der Wissenschaft offenhaltet.
Julia Venturini ist Astrophysikerin und untersucht, wie Exoplaneten entstehen und sich entwickeln. Sie wuchs in Uruguay auf, wo sie Physik und Astronomie studierte, und kam 2012 für ihre Promotion an die Universität Bern. Nach Forschungsaufenthalten in Zürich und am International Space Science Institute (ISSI) in Bern erhielt sie ein SNSF-Ambizione-Stipendium und leitet nun ihr eigenes Projekt an der Universität Genf. Ihre Arbeit befasst sich mit der Entwicklung numerischer Modelle der Planetenentstehung, mit besonderem Schwerpunkt auf Planeten in Doppelsternsystemen, und verbindet Theorie mit Daten aus Weltraummissionen von CHEOPS und in Zukunft PLATO. Venturini ist Mitglied der Jungen Akademie Schweiz. Innerhalb der Akademie leitet sie gemeinsam mit anderen das Projekt UPSTEM – «Unveiling the Leaky Pipeline in STEM», das untersucht, warum Forschende, insbesondere Frauen, ihre akademische Laufbahn aufgeben und welche strukturellen Veränderungen notwendig sind, um den Verlust von Talenten zu verhindern. Sie lebt mit ihrem Partner, einem Physiklehrer, in Bern und ist Mutter von zwei Kindern (geb. 2019 und 2022). Ihre grösste Leidenschaft ausserhalb der Wissenschaft ist zeitgenössischer Tanz, den sie seit vielen Jahren praktiziert.
