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Junge Akademie Schweiz JAS
Emmanuel Senft bewegt sich zwischen Mensch und Roboter
Er hat sich einen Kindheitstraum erfüllt: Emmanuel Senft forscht an und mit Robotern. Mit der Jungen Akademie setzt er sich dafür ein, dass Künstliche Intelligenz das wissenschaftliche Denken bereichert – ohne den Erkenntnisprozess selbst zu ersetzen. Und dafür, dass das System Wissenschaft fairer wird.

Porträt: Astrid Tomczak
Es war einmal ein kleiner Junge. Er wuchs in Bons-en-Chablais auf, nicht weit von der Schweizer Grenze entfernt, die Walliser Bergwelt und den Genfer See vor Augen. Vielleicht nicht zuletzt deshalb stand zu Weihnachten auf der Wunschliste des Jungen jahrelang etwas, das in einem gewissen Kontrast zu dieser Postkartenidylle stand: Ein Roboter. Maschine versus Natur. Er bekam ihn nie.
Mittlerweile ist der kleine Junge zum Mann herangewachsen – und der Bubentraum zum Forschungsobjekt geworden. An der EPFL studierte Emmanuel Senft Mikroingenieurwesen, später spezialisierte er sich auf Robotik. Seine Dissertation führte ihn nach Plymouth, wo er sich mit sozialer Robotik und Künstlicher Intelligenz beschäftigte. Die zentrale Frage: Wie lässt sich ein Gleichgewicht zwischen der Autonomie des Roboters und der Kontrolle durch einen menschlichen Supervisor herstellen? So entstanden unter anderem im Rahmen eines europäischen Projekts Roboter, die in Therapien Kinder mit Autismus unterstützen sollen.
Wichtige Spielregeln
Das ist typisch für Emmanuel Senft: Es geht ihm nicht nur um das technisch Machbare, sondern darum, wie Mensch und Maschine miteinander agieren. Er erinnert sich daran, als er zum ersten Mal von einer Puppe hörte, die KI einsetzen konnte, um mit Kindern zu sprechen. «Das löste in mir eine gewisse Angst vor Manipulation aus», sagt er. Zumal die Forschung zeige, dass physisch präsente Roboter eine grössere Überzeugungskraft haben als rein digitale Systeme. Nun mag Angst ein schlechter Ratgeber sein – doch Senft motivierte diese Erfahrung dazu, sich mit den Risiken und der Verantwortung auseinanderzusetzen, welche die Entwicklung «intelligenter» Maschinen, die auf die Interaktion mit dem Menschen ausgerichtet sind, mit sich bringt. In der Jungen Akademie hat er den Ort gefunden, um solchen Fragen gemeinsam mit anderen Nachwuchsforschenden nachzuspüren. «Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft hat mich gereizt», sagt er. Die Junge Akademie sei für ihn ein erster Schritt, «um über die reine Forschung hinaus mehr bewirken zu können». Was ihn dabei antreibt, ist weniger die Angst vor Künstlicher Intelligenz an sich, «als vor Menschen, die sie missbrauchen». Deshalb brauche es einen genauen Blick auf die regulativen Rahmenbedingungen.
Konkret zeigt sich das im Projekt «AI in Science and Society», das Senft mit anderen Mitgliedern der Jungen Akademie bearbeitet. Gemeinsam untersuchen sie, wie KI Forschung, Lehre, Wissenschaftskommunikation und politische Entscheidungsprozesse verändert – und welche Chancen und Herausforderungen sich daraus insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs ergeben (siehe Publikation hier). Letztlich geht es um die Frage, was diese Technologien langfristig mit dem System Wissenschaft machen. Die Antwort ist für Senft ambivalent: Künstliche Intelligenz könne zwar vieles erleichtern – Literatur zusammenfassen, Zusammenhänge aufzeigen, Prozesse beschleunigen. Doch dieser Effizienzgewinn habe seinen Preis: «Du kannst eine Abkürzung nehmen, aber dann verpasst du die Reise.» Die Reise: Das ist der Denkprozess, der zum Erkenntnisgewinn führt. Wird er verkürzt, entstehen zwar brauchbare Resultate – doch manchmal leidet das Verständnis darunter. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wann reicht ein «brauchbares» Ergebnis – und wann ist es entscheidend, den Weg dorthin selbst zu gehen?
Kritischer Blick auf das akademische System
Den Weg selber gehen: Diesen Anspruch haben wohl alle jungen Forschenden. Doch auf diesem Weg müssen sie viele Hindernisse überwinden – und das Wissenschaftssystem selbst schafft manche davon. Genau hier setzt ein zweites Projekt der Jungen Akademie an: «Innovative Policies for Fostering Academic Careers». Senft beschreibt die akademische Welt als Pyramide. «Es ist verrückt», sagt er. Was er meint: Ein System, das strukturell einen erheblichen Teil des wissenschaftlichen Nachwuchses zwingt, die Akademie zu verlassen. Darüber hinaus verdient ein System, in dem einzelne Professorinnen und Professoren wie «Alleinherrscher über ihr Königreich entscheiden», alle Rollen auf sich vereinen und den Nachwuchs nach ihrem Gutdünken formen, kritische Fragen. Muss Forschung zwingend in grossen Gruppen organisiert sein? Ist es sinnvoll, dass dieselbe Person gleichzeitig forschen, lehren, managen und kommunizieren soll? «Nur weil du gut in der Forschung bist, heisst es noch lange nicht, dass du gut lehren oder ein Team führen kannst», erklärt Senft.
Er selber scheint der geborene Kommunikator zu sein: Er spricht schnell, achtet aber darauf, dass die Botschaft ankommt – auch wenn er bei seiner Arbeit hauptsächlich auf Englisch kommuniziert statt auf Französisch, seiner Muttersprache. «Mein Englisch ist alles andere als perfekt», sagt er, «aber es reicht.» Um in der Analogie zu bleiben: Die Sprache, in der er etwas sagt, ist verständlich, also «brauchbar» – was er sagt, geht aber weit darüber hinaus. Was er an seiner Arbeit liebt, ist die Begegnung mit Menschen verschiedenster Disziplinen. «An einem Tag spreche ich mit einer Ethikerin, die sich mit Technologien beschäftigt, am nächsten vielleicht mit einem Soziologen, am übernächsten mit Leuten von Organisationen für Menschen mit Behinderungen.» Sein Anliegen bleibt dabei immer gleich: «Ich spreche mit Menschen, um zu verstehen, was ihre realen Bedürfnisse sind. Erst dann können wir die Technologie entwickeln.»
Back to the roots
Mit diesem Ansatz arbeitet er auch an einem Projekt, das ihn zurück zu seinen Wurzeln führt. Senft arbeitet heute am IDIAP Research Institute in Martigny. Dort arbeitet er gemeinsam mit Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten an Robotern, die Therapien unterstützen sollen: indem sie Bewegungsübungen anleiten oder Fachpersonen entlasten. Mit welchen Herausforderungen solche Fachpersonen konfrontiert sind, hat er in seiner Familie gesehen: Seine Eltern sind beide Physiotherapeuten, sein Bruder ebenfalls. Und so schliesst sich ein Kreis: Aus dem Kind, das sich zu Weihnachten einen Roboter wünschte, ist ein Forscher geworden, der Maschinen nicht um ihrer selbst willen baut – sondern um sie dort einzusetzen, wo sie Menschen konkret helfen können.
Emmanuel Senft (Jg. 1991) wuchs nahe der Schweizer Grenze in Bons-en-Chablais (Frankreich) auf. Nach dem Gymnasium in Frankreich studierte er Mikroingenieurwesen an der EPFL und promovierte an der Universität Plymouth im Bereich Mensch-Roboter-Interaktion. Es folgten Forschungs- und Sprachaufenthalte in China und Japan sowie ein Postdoc an der University of Wisconsin–Madison. Seit 2022 leitet er die Forschungsgruppe Human-centered Robotics and AI am IDIAP Research Institute in Martigny. Er engagiert sich für eine verantwortungsvolle Entwicklung von KI und Robotik sowie im Rahmen der Jungen Akademie Schweiz für die Schnittstelle von Wissenschaft und Politik – und für gerechtere Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs sowie für den Einfluss von KI auf die Forschung. Aufgewachsen zwischen Bergen und See, ist Emmanuel Senft früher sehr viel Ski und Velo gefahren. Dazu fehlt ihm heute die Zeit. Nicht nehmen lässt er sich was anderes: Emmanuel Senft praktiziert Vo Vietnam, eine vietnamesische Kampfkunst – sein verlässlichster Ausgleich zum Forschungsalltag.
